Nachwachsender Zahn als Zahnersatz
Kurz erklärt
Beim Menschen wachsen Zähne nur zweimal nach – als Milchgebiss und als bleibende Zähne. Beim nachwachsenden Zahn als Zahnersatz versucht die Forschung, ein drittes natürliches Zahnwachstum auszulösen: Japanische Forscher blockieren mit dem Medikament TRG-035 das Protein USAG-1, das drittes Zahnwachstum hemmt. Klinische Studien am Menschen laufen seit 2024; ein Markteintritt gilt ab 2030 als realistisch.
Warum Menschen keine dritten Zähne nachwachsen lassen können
Das Wichtigste auf einen Blick
- Menschen besitzen nur zwei Zahngarnituren: Milchzähne und bleibende Zähne
- Nach dem Durchbruch der bleibenden Zähne bleiben Zahnkeime vorhanden, werden aber durch ein Protein dauerhaft inaktiv gehalten
- Haie und Krokodile erneuern ihre Zähne ein Leben lang – ihr Zahnwachstum wird durch andere Signalwege gesteuert
- Das Protein USAG-1 gilt als molekulare Hauptbremse, die drittes Zahnwachstum beim Menschen blockiert
Zahnwachstum beim Menschen ist genetisch auf zwei Phasen begrenzt. Zuerst erscheinen die Milchzähne, dann – ab dem sechsten Lebensjahr – die bleibenden Zähne. Danach stoppt das natürliche Zahnwachstum vollständig: Verliert man einen bleibenden Zahn, wächst kein neuer nach. Stattdessen greift man auf Zahnersatz wie Implantate, Brücken oder Prothesen zurück.
Biologisch erklärt sich das durch Signalproteine, die während der Zahnentwicklung aktiv sind und danach abgeschaltet werden. Die Zahnkeime – also die Anlagen für potenziell neue Zähne – schlummern danach zwar im Kiefer, werden aber durch molekulare Bremsmechanismen dauerhaft inaktiviert.
USAG-1: das Protein, das drittes Zahnwachstum blockiert
USAG-1 (Uterine Sensitization Associated Gene-1) ist ein Protein, das als Inhibitor – also Hemmer – von Zahnwachstums-Signalwegen wirkt. Es blockiert spezifische Botenstoff-Kaskaden, die für die Aktivierung von Zahnkeimen zuständig sind. Typischerweise verhindert USAG-1 beim Menschen, dass nach den bleibenden Zähnen weitere nachwachsen können.
Forscher der Kyoto-Universität identifizierten USAG-1 als zentralen Schalter. Wird dieses Protein blockiert, lassen sich ruhende Zahnkeime im Kiefer reaktivieren. Dieser Befund aus Tierversuchen, veröffentlicht unter anderem im Fachjournal Science Advances (2021), legte den Grundstein für den Wirkstoff TRG-035.
TRG-035 und Tideglusib: Wie neue Medikamente Zahnkeime reaktivieren sollen
Das Wichtigste auf einen Blick
- TRG-035 (Japan) blockiert USAG-1 per intravenöser Injektion und reaktiviert dadurch ruhende Zahnkeime
- Tideglusib (Südkorea) wird per Mikronadel-Pflaster auf das Zahnfleisch aufgetragen und stimuliert Stammzellen im Kiefer
- Tierversuche an Mäusen, Frettchen und Hunden zeigten vielversprechende Ergebnisse bei der Neubildung funktioneller Zähne
- Seit 2024 laufen am Kyoto University Hospital erstmals Humanstudien mit TRG-035
- Offene Frage: TRG-035 kann Nierenfunktions-Signalwege beeinflussen – die Sicherheit wird in Studienphase 1 geprüft
TRG-035 ist ein monoklonaler Antikörper, der gezielt das Protein USAG-1 hemmt. Entwickelt wurde er unter der Leitung von Dr. Katsu Takahashi am Kitano Hospital in Osaka. Das Medikament wird intravenös verabreicht und soll über den Blutkreislauf an die Zahnkeime im Kiefer gelangen – ohne chirurgischen Eingriff. Vielversprechende Ergebnisse aus Tierversuchen belegen die Wirksamkeit des Ansatzes: Bei Mäusen, Frettchen und Hunden bildeten sich funktionelle Zähne mit stabiler Verankerung im Kiefer.
Parallel dazu verfolgen Forschende in Südkorea einen anderen Weg. Tideglusib, ein Wirkstoff, der ursprünglich für neurologische Erkrankungen entwickelt wurde, aktiviert über einen anderen Signalweg Stammzellen im Zahnbereich. Die Anwendung erfolgt über ein Mikronadel-Pflaster, das direkt auf das Zahnfleisch aufgebracht wird. Dieser Ansatz zur Zahnregeneration ist deutlich weniger invasiv als eine Injektion und könnte besonders für die Heilung kleiner Knochenschäden oder frühzeitiger Zahnverluste interessant sein.
Erste Humanstudien: Was die klinischen Tests bisher zeigen (Stand Juni 2026)
Seit 2024 laufen am Kyoto University Hospital klinische Studien der Phase 1 mit TRG-035. An der Studie nehmen 30 erwachsene Probanden zwischen 30 und 64 Jahren teil, denen mindestens ein Zahn fehlt. Ziel dieser ersten Phase ist ausschliesslich die Überprüfung von Sicherheit und Dosierung – Wirksamkeitsdaten werden erst in späteren Phasen erhoben.
TRG-035 erhielt in Japan den sogenannten Orphan-Drug-Status (Status für Medikamente gegen seltene Erkrankungen), was eine beschleunigte Prüfung ermöglicht. Die primäre Zielgruppe sind zunächst Kinder mit Hypodontie oder Anodontie, also angeborenem Zahnmangel. Hypodontie bezeichnet das Fehlen von sechs oder weniger bleibenden Zähnen; Anodontie steht für das vollständige Fehlen von Zähnen. Betroffen sind je nach Quelle zwischen 1 % und 10 % der Bevölkerung weltweit.
Wann ist in der Schweiz mit nachwachsenden Zähnen zu rechnen?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Erwarteter Marktstart: ab 2030, zunächst für Kinder mit angeborenem Zahnmangel
- Für Erwachsene mit gewöhnlichem Zahnverlust sind weitere Studienphasen nötig
- In der Schweiz müsste das Medikament nach FDA- und EMA-Zulassung zusätzlich von Swissmedic genehmigt werden
- Bis dahin bleiben Zahnimplantate, Brücken und Prothesen der etablierte Standard
Der Weg von der Studie bis zur Patientenanwendung ist lang. Nach Abschluss der Humanstudien in Japan folgen Studien der Phasen 2 und 3, danach erst Zulassungsanträge bei den Behörden. Für die Schweiz bedeutet das: TRG-035 muss nach einer allfälligen Zulassung durch die US-amerikanische FDA und die europäische EMA zusätzlich von Swissmedic, der Schweizer Zulassungsbehörde, geprüft und freigegeben werden. Dieser Prozess dauert erfahrungsgemäss mehrere Jahre nach der europäischen Marktzulassung.
Erste Humanstudien beginnen (Japan)
Kyoto University Hospital startet die klinische Phase-1-Studie mit TRG-035. 30 Teilnehmer im Alter von 30 bis 64 Jahren. Ziel: Sicherheit und Dosierung prüfen.
Abgeschlossen / laufendErweiterte Studien und Sicherheitsdaten
Auswertung der Phase-1-Ergebnisse. Klärung offener Fragen zur Nierenfunktion als möglicher Nebenwirkung. Parallel: Mikronadel-Pflaster (Tideglusib) wird in Südkorea weiterentwickelt.
LaufendPhase-2-Studien erwartet, breitere Patientengruppe
Aktueller Stand (Juni 2026): Übergang in Phase-2-Studien mit grösserer Teilnehmerzahl geplant. Fokus auf Kinder mit Hypodontie und Anodontie als priorisierte Zielgruppe.
Aktueller StandZulassungsantrag bei FDA und EMA
Sofern die Sicherheitsstudien erfolgreich verlaufen: Einreichung des Orphan-Drug-Zulassungsantrags. Ein beschleunigtes Verfahren bei FDA und EMA für seltene Erkrankungen ist möglich.
PrognoseFrühester möglicher Marktstart – zuerst für Kinder
Forscher nennen 2030 als realistischen Zeitrahmen für eine erste Marktzulassung. Erwachsene Patienten müssen voraussichtlich länger warten.
PrognoseSwissmedic-Zulassung für die Schweiz
Nach EMA-Zulassung folgt das Swissmedic-Verfahren. Erfahrungsgemäss dauert dies 12 bis 24 Monate zusätzlich. Die Kostenübernahme durch Schweizer Krankenkassen ist noch offen.
Perspektive SchweizStand: Juni 2026 · Alle Zeitangaben basieren auf aktuell veröffentlichten Forschungsdaten und sind Prognosen ohne Gewähr.
Ein Markteintritt vor 2030 gilt Experten als unrealistisch – und selbst dann zunächst nur für die engste Zielgruppe: Kinder mit angeborenem, vollständigem Zahnmangel. Für Erwachsene, die etwa durch Karies, Unfall oder Parodontitis Zähne verloren haben, sind weitere klinische Studien nötig. Die Zahnregeneration ist also kein baldiger Ersatz für bestehende Zahnersatz-Optionen.
| Meilenstein | Zeitraum (Schätzung) | Zielgruppe |
|---|---|---|
| Studienphase 1 (Sicherheit/Dosierung) | 2024–2026 | Erwachsene mit Zahnlücken, 30–64 J. |
| Studienphase 2 & 3 (Wirksamkeit) | ab 2027 | Kinder mit Hypodontie / Anodontie |
| Marktzulassung FDA / EMA | ab 2030 | Seltene Erkrankungen (Orphan Drug) |
| Swissmedic-Zulassung Schweiz | frühestens 2031–2032 | Noch offen; CH-Verfahren separat |
| Anwendung bei Erwachsenen (allgemein) | unbekannt | Weitere Studien erforderlich |
Aus Sicht vieler Zahnmediziner sind nachwachsende Zähne langfristig eine biologisch überlegene Lösung gegenüber Implantaten: Lebende Zähne spüren Druckreize, passen sich an den Kiefer an und lösen keine Abstossungsreaktionen aus. Für die grosse Mehrheit der Patientinnen und Patienten in der Schweiz bleibt ein Zahnimplantat heute aber die zuverlässigste Methode beim Zahnverlust. Mehr zu Zahnersatz-Optionen finden Sie in den Themenwelten von Opti-Dent und im Zahnlexikon A–Z.
Häufige Fragen zu nachwachsenden Zähnen
Welches Medikament lässt Zähne nachwachsen?
TRG-035 ist der bekannteste Wirkstoffkandidat: ein monoklonaler Antikörper, der das Protein USAG-1 blockiert und dadurch ruhende Zahnkeime reaktiviert. Daneben wird Tideglusib in Südkorea erprobt, das per Mikronadel-Pflaster Stammzellen im Zahnbereich stimuliert. Beide Wirkstoffe befinden sich noch in klinischer Prüfung und sind nicht zugelassen.
Sind Zahnimplantate bald überflüssig?
Nein, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Selbst bei einem optimalen Studienverlauf und einer Zulassung ab 2030 richtet sich TRG-035 zunächst ausschliesslich an Kinder mit angeborenem Zahnmangel. Für die weitaus grössere Gruppe der Erwachsenen mit Zahnverlust durch Karies, Unfall oder Parodontitis sind weitere Studien erforderlich. Zahnimplantate bleiben auf absehbare Zeit der medizinische Standard. Weiterführende Informationen finden Sie im Beitrag Implantat.
Was könnte eine Zahnregeneration kosten?
Belastbare Kostenzahlen gibt es noch nicht, da TRG-035 nicht marktreif ist. Als Referenzpunkt: Ein einzelnes Zahnimplantat kostet in der Schweiz je nach Klinik und Region zwischen CHF 2'500 und CHF 5'000. Monoklonale Antikörper – die Wirkstoffklasse, zu der TRG-035 gehört – sind in der Herstellung erfahrungsgemäss teuer. Ob Schweizer Krankenkassen die Kosten übernehmen, ist derzeit vollständig offen.
Bei welchen Tieren wachsen Zähne ein Leben lang nach?
Haie erneuern ihre Zähne tatsächlich ein Leben lang. Sie besitzen mehrere Reihen von Ersatzzähnen, die bei Bedarf nachrücken. Auch Krokodile können Zähne mehrfach ersetzen. Bei diesen Arten ist das Zahnwachstum durch andere genetische Signalwege dauerhaft aktiv – eine Eigenschaft, die beim Menschen im Laufe der Evolution verloren ging und nun durch Proteinhemmer reaktiviert werden soll.